O.G. Oexle, Aspekte der Geschichte des Adels im Mittelalter und der Frühen Neuzeit
Und hier wäre dann die zweite Rezension aus besagter Übung!
Otto Gerhard Oexle: Aspekte der Geschichte des Adels im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit, in: Hans-Ulrich Wehler (Hg.), Europäischer Adel. 1750 - 1950, Göttingen: Vandehoeck und Rubrecht, 305 S., ISBN 3-525-36412-1, 58,- DM, S. 19 - 56.
Rezensiert von:
Tobias F. König
Der vorliegende Aufsatz von OEXLE erschien im Sammelband „Europäischer Adel. 1750 - 1950", der als Ergebnis dreier[1] Tagungen des „Arbeitskreises für Moderne Sozialgeschichte“ 1988 und 1989 erarbeitet wurde. Der Autor war zu jener Zeit Direktor des Max-Plank-Institutes für Geschichte und arbeitet inzwischen als Honorarprofessor an der Universität Göttingen.
Der Aufsatz OEXLEs ist unter dem Titel „Aspekte der Geschichte des Adels im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit“ in das einleitende Kapitel des Sammelbandes eingegliedert. Daher ist er auch abgehoben von den durch den Herausgeber formulierten Gliederungsgrundsätzen zu betrachten. OEXLE bedient sich zur Gliederung dem Buch „Il Gattopardo“ von Guiseppe Tomasi di Lampedusa, das auch als immer wiederkehrender Fixpunkt im Aufsatz auftaucht. Auf Grund des nur begrenzten Umfangs distanziert sich OEXLE von einer umfassenden Darstellung, sondern formuliert das Ziel seiner Arbeit mit der Darstellung des „historisch relativ stabilen Kern(s)“ und will hier insbesondere die Abbildung von adligen Realitäten, Mentalitäten, Denkformen und Verhaltensweisen anstreben. Denn die Entwicklungen in der Mediävistik haben dazu geführt, dass unter Anregung von Nachbardisziplinen der Adel als mentales Phänomen gedeutet wird. Daher ergeben sich folgende Schwerpunkte: Zunächst wendet sich OEXLE den Wurzeln der adligen Mentalität zu, darauf geht er auf das Prinzip von „Haus“ und „Geschlecht“ als Existenzweise ein, woraufhin er den Adel als Stand beleuchtet. Anschließend legt er die politisch-soziale Funktion des Adels in der europäischen Monarchie, also das Verhältnis von Adel und Königtum dar, um abschließend auf die Bedingungen und Möglichkeiten von Adel in Behauptung und Kritik einzugehen, womit Adelslegitimation und Adelskritik gemeint ist. Diese Gliederung wird durch eine mit Unterkapiteln versehene Textgestaltung auch optisch gut deutlich.
Die Wurzeln der adligen Mentalität sieht OEXLE in dem Umstand, dass man Adel von Geburt ist, was einen vollwertigen Aufstieg Dritter unmöglich macht. Denn es fehlt der Ruhm der Vorfahren, auf die man sich berufen könnte und somit das vom Autor letztendlich konstituierend gewertete Moment: Die Erinnerung. Diese Erinnerung ist identitätsstiftend für den Adel und bildet somit die Basis ihrer Mentalität.
Haus und Geschlecht sind der Rahmen für die Existenz des Adels. Es ist immer „das ganze Haus“, das dem Adel angehört und für die „Hausmacht“ arbeit jeder Angehörige des Geschlechts. Erst mit der Aufhebung der adligen Grundherrschaft verliert das Moment von Haus und Geschlecht an Gewicht. Jedoch bleibt das Geschlecht, also die vorzuweisende Ahnenreihe, ein Identifikationsmerkmal, das eine innere Ausdifferenzierung des Adels ermöglicht.
Als Grundlage für den Adel als Stand dient die Überlegung der natürlichen Stufung von Menschen, bedingt durch Schöpfung und Sündenfall. Als konstituierende Merkmale führt der Autor die Ausbildung der Adelsethik, die funktionale Dreiteilung in drei Stände[2], sowie die Entstehung der Hofkultur an, die sich als Ideal für die Gesamtgesellschaft etabliert.
Das Verhältnis von König und Adel ist von einer gegenseitigen Abhängigkeit geprägt. Die frühen Formen des Verhältnisses zwischen König und Adel befinden sich meist noch auf der Ebene der Familie und sind durch Königsnähe aus der Sicht des Adels geprägt. Im Zuge weiterer Entwicklungen entsteht aus diesem Verhältnis das territoriale Fürstentum, das die Grundlage der adligen Macht bildet.
Im Abschnitt der Adelslegitimation und Adelskritik stellt OEXLE insbesondere drei Typen der Adelslegitimation heraus: Zunächst durch Willen des Königs, darauf die ererbte und vererbbare Überlegenheit und zuletzt als ein historisch gewachsenes Phänomen. Doch unterlagen Kritik und Legitimation einem ständigen Wechselspiel, was OEXLE am Brief an die Korinther anschaulich beleuchtet. Schlussendlich stellt er die humanistische Adelskritik, insbesondere den Aspekt der Untätigkeit und Unproduktivität im Gegensatz zum Bürgertum als entscheidenden Faktor für den Untergang des Adels dar.
Im Hauptteil der Arbeit belegt er seine Thesen immer wieder mit Beispielen und mit größtenteils in Fremdsprachen abgefassten Zitaten. Dies macht es dem Unkundigen recht beschwerlich die Entwicklung seiner Thesen und deren Belegung mit Beispielen zu folgen. Doch gemessen am gewählten Schreibstil scheint der Aufsatz ohnehin vor allem an das Fachpublikum gerichtet zu sein. Der streng akademische Stil zieht sich durch den gesamten Text und wird lediglich durch den Gebrauch sinnbildlichen Neologismen wie „Spitzenahn“ oder „Ansippung“ durchbrochen. Die oben bereits genannten Zitate sind meist aus dem Quellenmaterial entnommen. Der Autor war offensichtlich bestrebt, und dies ist auch gelungen, stets Überlegungen mit Zitaten zu belegen und somit eine quellennahe Darstellung abzuliefern. Jedoch sind die mit unter recht langen Zitate in Latein eine Unterbrechung im Lesefluss, die es schwer machen der Argumentation zu folgen.
Der im Titel des Sammelbandes genannte Forschungszeitraum wird bei weitem übertreten. OEXLE bedient sich im Verlauf seines Aufsatzes Beispielen, die insbesondere in das Früh- und Hochmittelalter gehören. Doch dies ist auch nicht weiter verwunderlich, da er bestrebt ist Entwicklungen aufzuzeigen, die der Adel im Verlauf seiner Geschichte durchgemacht hat. Allerdings ist es schwierig die Ergebnisse OEXLES dem Text zu entnehmen, da er meist sehr lange Herleitungswege nutzt und eine kurze Ergebnissicherung sowohl am Ende der einzelnen Kapitel, als auch am Ende des Aufsatzes fehlt.
Insgesamt dient der Text als gute Einleitung in die Mentalitätengeschichte des Adels, sofern der Leser in der Lage ist dem hohen Niveau des Textes zu folgen. Die Argumentationsketten OEXLEs sind durchweg geschlossen, was es einfach macht seine Thesen zu verstehen, sofern man sie aus dem Text herausarbeitet.
Somit bleibt festzustellen, dass der vorliegende Aufsatz gut gelungen ist und vor allem durch seine Eingliederung in die Einleitung des oben genannten Sammelbandes eine Bereicherung für die Forschung darstellt.
[1] Anmerkung des Rezensenten: Während WEHLER im Vorwort zum Sammelband lediglich drei Tagungen erwähnt (S. 7), nennt er in der Einleitung vier Tagungen des Arbeitskreises.
[2] Anm.: Die funktionale Dreiteilung ist Grundlage für das spätere Drei-Stände-System. Die Dreiteilung unterscheidet in: 1. Herrschende, 2. Waffentragende, 3. Waffenlose
Die Nichtexistenz eines Beweises beweist nicht die Nichtexistenz!